Devendra Banhart
Toulouse, 17. November 2007
(Von
Flo)
Devendras früheres Album "Cripple Crow" war definitiv eines um sich wohl zu fühlen. Es hatte 23 Song, aber es war
homogen, es fühlte sich an als würde man abends einen winterlichen Himmel betrachten, von einem warmen Zimmer aus.
Es war wie eine dampfende Teetasse, wie in einer kühlen, zuckrigen Sommernacht einzuschlafen. Es war zwar pessimistisch,
doch trotzdem friedlich.
Allerdings, "Smokey Rolls Down Thunder Canyon", das Letztgeborene, war wie auf unebenen
Treppen zu laufen; Die schwerfällige Traurigkeit, die fast die Hälfte der Songs bestimmt scheint ansteckend zu sein.
Devendras Wunden bluten direkt in diese Lieder. Seine Stimmung beeinflusst stark seine Musik, denn zum ersten Mal hat er
wahrhaftig dunkle Lieder veröffentlicht, so wie einst Elliott Smith.
Und sie scheint auch seine Konzerte zu beeinflussen. Das letzte Mal als wir einen richtiges Konzert von ihm sahen,
war im Sommer, in eine kleinen, intimen Pariser Club. Devendra sah aus wie ein fragiles Tier, eine furchtbar verängstigte
Person. Dieses Konzert hat mir Gänsehaut bereitet, aber es war schrecklich deprimierend.
Sein Auftritt vor einigen Tagen allerdings, beim
Les Inrocks Festival war erleichternd
roh und energetisch, aber kaum eine Stunde lang, also kein richtiger Gig per se.
Aus diesem Grund war in Toulouse noch etwas Anspannung übrig und wir erreichten Le Bikini auf Zehenspitzen, mit einer
handvoll Unsicherheiten im Hinterkopf. Lasst uns schnell zum Punkt kommen, in dieser Nacht wird Devendra in bester Laune
sein, artikulieren und sich den ganzen Abend lang äußerst charmant verhalten. Er wird charmant sein wenn er auf der
Bühne herwurschtelt, wenn er heult, wenn kichert, wenn er sich mit der französischen Sprache herumschlägt. Außer wenn
er flucht, da seine Effektpedalen nicht so wollen wie er will, dann wird Devendra unheimlich, für ganze zehn Sekunden,
um dann wieder in sein übliches süßes, fröhliches und schadenfrohes Selbst zu verwandeln.
An diesem 17ten November, die Kälte war besonders böse, zermürbend, die Lippen zusammen frierend, ganz so wie Noah Georgeson,
Devendra's Bandmitglied, Produzent und wahrscheinlich engestem Vertrauten beschreibt, als er die Nacht eröffnet.
Für etwas mehr als zwanzig Minuten wird er uns mit seinen einfachen, poetischen Folksongs berieseln, mit
einer starken Rufus- Wainwright- artigen Stimme, unterstützt durch Pete Newsom (ja, Joanna's Bruder) am Schlagzeug.
Das Publikum lauschte andächtig, lächelnd, überraschender Weise antwortend, genauso wie Noah über seinen letzten
Aufenthalt in Toulouse spricht: "Der Club war sehr rund... nicht so wie der hier, der sehr eckig
(square im übertragenden
Sinne heißt nicht nur eckig, sondern auch spießig!) ist... nicht dass ich sagen würde dass ihr "eckig"
(spießig) seid!".
Für sein letztes Lied kommt Greg Rogrove, ein weiterer von Devendras Bandkollegen, auf die Bühne und als er geht
wird er mit tosendem Applaus der schüchternen, jedoch enthusiastischen Menge verabschiedet.
Nach einer fünfzehn minütigen Pause später kommt endlich die gesamte Band auf die Bühne, höchst gepflegt, und
legt für anderthalb Stunden einen Seelen- erleichternden Bann über uns.
Devendra und Noah sitzen einige Zeit, zuerst kommt das süß- saure "So Long Old Bean", dann das tiefe "Freely" und genau
in ebendiesem Moment, deutet sich Besorgnis an, die Sorge, dass das ganze Konzert vielleicht den Geist dieser beiden
Songs besitzen könnte. Denn Devendra Banhart's neuste langsame Lieder sind vielleicht die Schwachpunkte seiner
Konzerte, sie sind unangenehm traurig aber schaffen es nicht mitzureißen und erreichen nicht die bezaubernd melancholische
Kraft seiner früheren Werke.
Doch schnell werden wir eines besseren belehrt, denn ab "Bad Girl" wacht Devendra auf, leuchtet auf, kommt vor unseren
Augen zu Leben. Er wird fröhlich, frech, gesprächig, und das die ganze Nacht lang. Unwahrscheinliche Fetzen Französisch, die
mit einem seltsamen spanischen Akzent ungeschickt gesprochen werden... das begeisterte Publikum liebt diesen Aufwand.
Die Setlist beinhalten größtenteils die zuvor erwähnten letzten Alben, mit seiner alten Flamme "At The Hop" in der Mitte.
An einigen Punkten wird Devendra sich zurück ziehen, seine Bandmitglieder/ Brüder allein im Rampenlicht stehen lassen.
Andy Cabic, Greg Rogrove & Noah Georgeson singen alle einen eigenen Song: Eine majestätische Wiedergabe von Vetivers
"You May Be Blue", das erschütternde "Bright Wind" von Priestbird (welche ich jedem wärmstens ans Herz legen kann,
ihr werdet mir dankbar sein) und Noahs "Find Shelter".
Als heutige Überraschung und persönliches Highlight erscheint "Mama Wolf", das so gut wie nie live gespielt wird und so
wie ein uraltes, lang vergessenes Schlaflied einfach überwältigend und beruhigend auf alle wirkt. Ein weiterer
unbezahlbarer Moment war die abgebrochene Version von "Santa Maria de Feira", welche improvisiert, spontan und innig
dargeboten wurde.
Während des gesamten Konzerts zieht sich Devendra langsam aus, schmeißt seinen baby- pinken Pullover in die Menge, etwas,
das man wohl nicht jede Nacht zu Gesicht bekommt.
Die Zugabe wird verkürzt, im Stil eines Feuerwerks, mit einer Vermischung von
"Long Haired-Child" und "I Feel Just Like a Child". Während dessen Devendra wild wird, herum springt, wahnsinnig und
anmutig zugleich, in all seiner verstrubbelten, niedlichen Blödheit.
Dieser Gig, der letzte auf französischem Boden, war beruhigend, tröstend. Aber am wichtigsten, er hat sich in
unser Gedächtnis eingebrannt, wir hatten einen Mordsspaß, genauso wie die Band selbst. In dieser Nacht werden sie noch
nach Spanien fahren, nur einige Stunden später. Also danken wir ihnen und wünschen ihnen die beste Zeit zu haben, doch
in Wirklichkeit hoffen wir alle heimlich dass sie sich dort nicht so wohl fühlen, wie mit uns.

Setlisten
Noah Georgeson
Devendra Banhart:
Links
Devendra Banhart
MySpace von Devendra Banhart
MySpace von Noah Georgeson
MySpace von Vetiver
Le Bikini in Toulouse